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Emotionales Essen und Essanfälle – mögliche Ursachen und Behandlungsansätze (Teil I)

Emotionales Essen und Essanfälle sind ein weit verbreitetes Phänomen und – je nachdem, in welcher Ausprägung und Frequenz sie sich zeigen - mit einem hohen Leidensdruck verbunden. Die Ursachen dahinter sind vielfältig und oft nicht leicht zu greifen – das macht es auch so schwer, diese Verhaltensmuster langfristig loslassen zu können.

Künstlerische Darstellung des autonomen Nervensystems, das in leuchtenden Farben dargestellt ist und seine weitreichenden Verbindungen durch den menschlichen Körper zeigt.

Meiner Erfahrung nach ist für einen Großteil der Ursachen hinter Emotionalem Essen und Essanfällen eine Zuordnung zu zwei Ursprungs-Kategorien möglich:


1. ein geringes Selbstwertgefühl


und


2. eine gestörte Selbst-Regulation des autonomen Nervensystems


In den meisten Fällen zeigen sich bei Betroffenen Defizite in beiden Bereichen – oft bedingen sie sich auch gegenseitig. Im Folgenden möchte ich die beiden zentralen Ursachen für Emotionales Essen und Essanfälle erläutern und darauf aufbauend mögliche Ansätze aufzeigen, um diese endlich langfristig loslassen zu können. Denn wie leider so oft, wenn es um körperliche und seelische Leiden geht, wird auch in diesem Bereich oft nur versucht, das Symptom zu „behandeln“ und nicht bis zur Wurzel gegraben.


Geringes Selbstwertgefühl – ein Teufelskreis entsteht


„Ich bin nicht gut so, wie ich bin“ – eine traurige, aber weit verbreitete innere Überzeugung, mit der viele Menschen durchs Leben gehen. Um dieses belastende Mangel-Gefühl loszuwerden, streben wir nach Veränderung – und setzen hier meist an unserem Äußeren an, denn hier gibt es oft das vermeintlich größte Optimierungspotenzial: „Wenn ich schlank und schön bin, werde ich glücklich sein, anerkannt und geliebt werden“ – eine fatale Annahme, die meist schon in jungen Jahren in uns gesetzt und von da an tagein tagaus vor allem durch Werbung, TV und soziale Medien in uns zementiert wird. Der Mensch liebt den Vergleich: sich einordnen zu können, gibt Sicherheit. Lässt uns in unserer eigenen Wahrnehmung aber meist nicht gut dastehen. Bildbearbeitungsprogramme und Beauty Filter schaffen ein unerreichbares Körperideal – um welches es zu erreichen Disziplin, Regeln, Verbote bedarf. Lebensmittel werden kategorisiert in gut und böse, Sport wird zum Dogma – und trotzdem erreichen wir unser Ziel nicht, denn Verzicht fördert Heißhunger und Essanfälle. Wir rutschen in diesen Teufelskreis aus scheiternden Diäten und Ernährungs-Konzepten, die unsere vermeintliche Disziplinlosigkeit bestätigen, und immer wieder neuen Versuchen, „es endlich auch zu schaffen“. Der Selbstwert leidet immer mehr, aber wir verlieren aus den Augen, wo der eigentliche Mangel entspringt.


Künstlerische Interpretation des autonomen Nervensystems, symbolisiert durch pulsierende Wellen, die die ständige Kommunikation und Regulierung im menschlichen Körper darstellen.

„Body over Mind“ – Regulation um jeden Preis


Ein zweiter Faktor, der bei den meisten Menschen mit Mustern des Emotionalem Essens und Essanfällen eine Rolle spielt, ist eine gestörte Regulationsfähigkeit des autonomen Nervensystems, welche essenziell ist, um mit Stress und herausfordernden Emotionen umgehen zu können. (Wenn du mehr Basiswissen über den Aufbau und die Funktion des autonomen Nervensystems brauchst, klicke hier). Homöostase ist für unser System überlebenswichtig – deshalb versucht unser autonomes Nervensystem um jeden Preis, das Erregungsniveau in unserem Körper immer wieder auf ein möglichst gut aushaltbares Level zu bringen – uns in unseren sogenannten Toleranzbereich zu regulieren. Wenn unser Nervensystem nicht gelernt hat, diese Selbstregulation auf gesunde Weise zu vollziehen, müssen wir – und das tun die meisten Menschen – zu Hilfsmitteln greifen. Was bei dem einen Zigaretten sind, sind bei dem anderen Alkohol, TV und Smartphone, exzessiver Sport, materieller Konsum – oder eben Essen. Regulation erfolgt in erster Linie auf körperlicher Ebene. Wenn wir mal beim Essen bleiben, macht das ja durchaus Sinn: Essen nährt, es füllt Leere, es lässt uns unseren Körper wieder spüren, Glückshormone werden ausgeschüttet, es kann auch beruhigen und uns angenehm träge machen – oder uns helfen, uns „wegzumachen“, wenn wir so richtig überfüllt sind, wir werden zum Ausruhen gezwungen.


Wir sollten also anerkennen, dass der Griff nach Essen bei Stress und emotionaler Überwältigung erstmal eine sehr kluge Strategie unseres autonomen Nervensystems ist – denn sie funktioniert. Entsteht aber durch dieses Verhalten ein Leidensdruck – weil es mit Scham verbunden ist, wir zu oft zu ungesunden Lebensmitteln greifen, die uns Energie rauben, weil wir nicht mehr aufhören können und bis zur Übelkeit essen, weil wir ungewollt an Gewicht zunehmen (was dann ja wieder mit unserem Körperideal kollidiert, und an unserem Selbstwertgefühl kratzt) – dann ist es trotz ihrer Wirksamkeit natürlich keine Strategie, die wir aufrechthalten wollen. „Einfach loslassen“ funktioniert aber auch nicht, denn “Biology over Mind“ ist Gesetz: unser Nervensystem wird immer die erstbeste Alternative wählen, um sich zu regulieren – koste es, was es wolle. Der einzige Weg, um nicht mehr zum Essen greifen zu müssen, um uns zu regulieren, ist, die Regulation unseres autonomen Nervensystems auf andere - gesunde - Weise zu unterstützen.


In Teil II dieses Blog-Artikels werde ich anhand dieser beiden Ursprungs-Kategorien für Emotionales Essen und Essanfälle mögliche Strategien und Ansätze vorstellen, die sich in meiner Arbeit bewährt haben, um diese Muster langfristig loslassen zu können.


Übrigens wurde ich Anfang des Jahres von der dpa als Expertin für einen Artikel über Emotionales Essen interviewt. Dieses Interview kannst du hier nochmal lesen.


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